Station 6 - nördliche Wette: Gemeinde Hemmingen

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Station 6 - nördliche Wette

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Salpetersiederei (abgebrochen)

In Hemmingen waren genügend landwirtschaftliche Anwesen vorhanden, in denen nach salpeterhaltigem Material gegraben werden konnte.

Am Mauerwerk, in den Ställen und an ähnlichen Orten bildete sich vor allem Kalksalpeter (Calciumnitrat), indem aus faulenden Harnstoffen Ammoniak und unter Mitwirkung von Bakterien Salpetersäure entstand. Der Salpetersieder durfte in beinahe jedes bodenebene Gebäude - Stube und Kammer ausgenommen – eindringen um nach Salpeter zu graben. Aus Hemmingen sind keine Streitigkeiten zwischen Salpetersiedern und Gebäudebesitzen übermittelt. Dieses könnte darauf zurückzuführen sein, dass die Varnbüler Lehensinhaber waren und es dem Ruf in militärischen Kreisen zuträglich war, wenn Hemmingen mit zur Schießpulverherstellung beitrug.

Die salpeterhaltige Erde wurde in der Salpetersiederei in doppelbödigen Auslaugbottichen auf einer Filterschicht aus Stroh, Moos und Spänen zusammen mit Holz, Pflanzenasche und Kalk mit warmem Wasser aufgegossen. Nach 12 bis 24 Stunden konnte man eine salpetrige Lauge ablassen. Diese Lauge wurde erneut mit neuer Erde aufgegossen bis mit der Salpeterwaage festgestellt wurde, dass die Brühe stark genug ist. Anschließend wurde die Lauge in großen Kesseln gesiedet. Wenn die Lauge gegart war, kristallisierte der Rohsalpeter nach dem Abkühlen aus. Zur Reinigung des Rohsalpeters waren ein mehrfaches Auswaschen und ein erneuter Sud zusammen mit Holzasche oder Pottasche erforderlich. Hierdurch wurde der hygroskopische Kalksalpeter in nichthygroskopischen Kalisalpeter umgewandelt, welcher für die Schießpulverherstellung erforderlich war.

Die Pottasche (Kaliumkarbonat) wurde durch das Auslaugen und Eindampfen von Pflanzenasche gewonnen. Hierzu wurde das auf den Feldern anfallende Unkraut genutzt, welches auf den Feldwegen verbrannt wurde.

Die Salpetersieder genossen ein Vorkaufsrecht auf die Pflanzenasche, welche auch gewinnbringend an Seifensieder, Glashersteller, Bleichereien und Färbereien veräußert oder zur Düngung der Felder eingesetzt werden konnte. Auch für die Beifuhr des benötigten Brennholzes wurden den Salpetersiedern besonders günstige Konditionen eingeräumt.

Die Witwe Jetter hatte 1793 die herzogliche Rentkammer gebeten, „ihre Grabstatt an ihren zukünftigen Tochtermann, Salpetersieder Knecht Johannes Dreher abtreten zu dörfen“. Dem Ersuchen wurde stattgegeben. Dreher wurde Meister und war für die Grabarbeiten in Hemmingen verantwortlich. Ab 1808 betrieb Philipp Busch zusätzlich zu seiner Ölmühle eine Pottaschensiederei. Ab 1810 kam eine Salpetersiederei hinzu, welche er in Hemmingen bis 1814 betrieb. Nach der Hungersnot 1816/1817 emigrierte er 1818 nach Nordamerika.

Die landwirtschaftlichen Reformen von Karl Eberhard Friedrich von Varnbüler im Jahr 1800 führten zur Sommerstallhaltung des Rindviehs. Mist und Gülle wurden gesammelt und für die Düngung der Felder gebraucht. Unkraut wurde der Kampf angesagt. Somit standen die für die Salpetergewinnung erforderlichen Rohstoffe nichtmehr zur Verfügung. 1798 wurden in Württemberg die Privilegien und das Monopol der Salpetersieder aufgehoben. Ab 1820 war das Salpetersiedehandwerk nur noch eine Randerscheinung und verschwand danach.

1823 erwarb Zimmermann Kögel das Recht auf den Abbruch des Gebäudes und zur Nutzung der Abbruchmaterialien. Der Bauplatz sollte nach dem Abbruch nicht mehr bebaut werden, weil der Raum zur Straße zu eng war. Die Salpeterhütte wurde zumindest zeitweise als Waschhaus genutzt und stand an der nördlichen Wette am damaligen Ortsrand.

Auszugsweise aus: „Die Salpetersiederei von 1784 bis 1823“ von Monika Bönisch (Hemminger Geschichtsblätter Nr. 1 1997)

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