Die Geschichte vom Soldaten Oskar Bosch: Gemeinde Hemmingen

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Die Geschichte vom Soldaten Oskar Bosch

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Die Geschichte von Oskar Bosch

Am 27. April 1945, knapp zwei Wochen vor der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht, wurde der 17-jährige Oskar Bosch aus Hemmingen auf dem Hof Ölbrechts 15 (heute ein Teil von Ottobeuren) von vorrückenden Amerikanern erschossen.

Die gesamte Geschichte wurde dankenswerter Weise von Helmut Scharpf aus Ottobeuren nachrecherchiert und aufgearbeitet.

Der 17-jährige Oskar Bosch aus Hemmingen bei Stuttgart flüchtete mit einem älteren Soldaten vor den anrückenden Amerikanern. Memmingen wurde am 26.04., Ottobeuren und Betzisried am 27.4.1945 eingenommen. Auf dem Hof in Ölbrechts 15 (vor der Eingemeindung nach Ottobeuren zu Betzisried) bekam Oskar etwas zum Mittagessen. Die Großmutter auf dem Hof, Anna Bartenschlager, warnte die beiden noch vor den in Betzisried einmarschierten Truppen und riet dazu, westlich des Gehöfts, am Sodenbach entlang Richtung Wald nach Süden zu gehen, da die unmittelbar zum Hofser Wald führende Wiese von dem etwas höher liegenden Betzisried aus gut einsehbar ist. Dieser Rat wurde von den beiden leider nicht beherzigt, der Jugendliche wurde beim Überqueren der Wiese erschossen; auch ca. fünf Kühe wurden dabei getötet. Sein – uns unbekannter – Kamerad entkam unverletzt.

Möglicherweise hatten die Amerikaner die weißen Laken wegen eines großen Birnbaumes nicht gesehen und schossen aus allen Rohren. Immerhin lieferten sich versprengte SSler auf dem Rückzug von Ottobeuren in Guggenberg noch Schießereien mit den in Ottobeuren eingerückten Amerikanern – ein Hof wurde dort in Brand geschossen. Die Amerikaner wollten deshalb – dies als weitere mögliche Erklärung – auch in Betzisried kein Risiko eingehen. Herr Schlichting von der Eheimer Säge nahm die Bäume aus der Umgebung später nicht zur Verwertung an, weil sie so viele Kugeln enthielten.

Die Amerikaner erreichten kurze Zeit später auch Ölbrechts, nahmen dem Toten seine Erkennungsmarke ab, meldeten aber niemandem den Namen des Toten. Nur weil Oskar Bosch ein kleines Gebetbuch mit seinem Namen und Herkunftsort bei sich trug, konnten die Bartenschlagers – die zu der Zeit auf dem Hof lebten – ihn zuordnen. Zunächst war ein Paket nach Heimertingen (Unterallgäu; damals Kreis Memmingen) geschickt worden, es kam aber als unzustellbar zurück. Erst später war das verwaschene Wort als „Hemmingen“ erkannt worden. Über Frischknechts aus der Bergstraße, die Käse nach Hemmingen lieferten, wurde ein Kontakt hergestellt.
Schuhmacher Oskar Bosch sen. (08.02.1900 - 28.09.1988), der Vater des Toten, kam im Herbst 45 nach Ölbrechts und erkannte die Stiefel wieder, die Bartenschlagers dem Toten vor dem Eingraben abgenommen hatten, als die seines Sohnes. Man grub die Leiche wieder aus und überführte sie mit einem Privatauto mit Anhänger – darauf ein Blechsarg – nach Hemmingen, wo der Jugendliche beerdigt wurde. Der damalige Ottobeurer Bürgermeister Alexander Wegmann hatte ein Begleitschreiben ausgestellt.
Noch viele Jahre schickten die Boschs als Zeichen der Verbundenheit zu Weihnachten ein Paket, mal mit Socken, mal mit Hausschuhen. 1969 heiratete Frau Bartenschlager den aus Ungerhausen stammenden Josef Weinhardt; die Hochzeitreise führte u.a. nach Hemmingen. Das Zimmer von Oskar – er baute als Hobby Modelle – befand sich auch 1969 noch in genau dem Zustand, in dem er es im Krieg verlassen hatte.

Am südlich vom Hof vorbeiführenden Crescentia-Pilgerweg – vor 100 Jahren war dies noch die Hauptstraße zwischen Markt Rettenbach und Ottobeuren – stellten die Bartenschlagers 1945 ein Holzkreuz auf, das 2016 zuletzt von Josef Weinhardt erneuert wurde. Sein eigener Vater gilt als im Krieg vermisst; er fühlt sich deshalb verantwortlich und dem Schicksal bzw. der Familie Oskars verbunden. Auch bei den Bartenschlagers in Ölbrechts hatte der 2. Weltkrieg seinen Tribut gefordert: Von den 11 Kindern war ein Sohn gefallen, einer vermisst und einer verlor die Hand.

Die Boschs haben den Kontakt nach Ölbrechts lange gehalten: Die Eltern (Okar sein. und Elise Boch) besuchten Ölbrechts mit ihrem Sohn Rainer 1976; zuletzt kam Frank Bosch (aus der Enkelgeneration) ca. 2014 mit dem Motorrad vorbei. Oskar hatte zwei Brüder: Waldemar und Roland. Letzterer trat in die Fußstapfen des Vaters, wurde in einer Schuhfabrik Schuhmodelleur und übernahm die Werkstatt in der Seestraße 3 als Schuhmacher. Im Grab in Hemmingen liegt Oskar jun. mit seinen beiden Eltern. (Mutter: Elise Bosch, geb. Sippel, 30.05.1900 - 27.09.1980). Auf dem Grabstein in Hemmingen stehen auch die Lebensdaten von Oskar Bosch jun.: geb. 11.12.1927, gefl. [gefallen] 27.4.1945 auf Hof Ölbrechts bei Ottobeuren
Das Geburtsjahr auf dem Holzkreuz ist falsch mit 1929 angegeben. Mit 16 kam er 1944 zum Militär und war in Posen stationiert. Erst ein, zwei Wochen vor seinem Tod war er noch einmal in Hemmingen, begab sich aber aus Angst als fahnenflüchtig zu gelten wieder ins Feld.

Bei einem Besuch mit Rainer Bosch in Hemmingen am 20.06.2017 stellte dieser das Soldatenbild zur Verfügung, das ihm sein Cousin Frank (Sohn des Roland) vorbeigebracht hatte. Die Bildbeschriftung auf der Rückeite lautet schlicht: „Oskar Bosch, Kreis Leonberg, Seestr. 3“ [seit 1973 Lkr. Ludwigsburg]. Oskar ist auch im Kriegerdenkmal von Hemmingen verewigt. Die Schuhmacherwerktatt in der Seestraße wurde mit dem Tod von Oskar Bosch sen. 1988 von Frank Bosch aufgelöst, das Haus umgebaut.

Die Bilder zeigen Fotos (10.05.2017) vom erneuerten Kreuz, vom Sühnekreuz aus der Schwedenzeit, beide Kreuze, ein Blick in Richtung Betzisried (vorbei an einem blühenden Apfelbaum) sowie vom Skilift, der noch bis vor ca. 10 Jahren in Betrieb war und über den alle Kinder aus der Umgebung das Skifahren lernten.

Auf der Südseite des Hofs in Ölbrechts gibt es eine Steintafel aus den 1930er Jahren, die folgende historische Hinweise enthält:
Nr. 15 – Oelbrechts.
1451 Erblehen des Klosters Ottenbeuren.
1646 von den Schweden niedergebrannt.
Abgebrannt 1874.

Der Tod von Oskar Bosch 1945 schließt den Kreis zum ersten Ottobeurer Gefallenen von 1939 – Martin Haider. Anna Bartenschlager hatte im Jahr zuvor selbst einen Sohn verloren: Anton Bartenschlager, Gefreiter einer Ski-Jäger-Brigade, war am 26.03.1944 an der Ostfront gefallen. Im Allgäuer Beobachter vom 25.04.1944 erschien auf Seite 3 ein kurzer Nachruf über den 20-jährigen Schreiner – mit der üblichen Propaganda: „Er war ein tapferer Soldat und stand an der Front wiederholt dort, wo der Kampf am erbittetsten tobte. (...) Hinter seiner MG sandte er Garbe um Garbe in die anstürmenden Bolschewisten. (...) Im dankbaren Gedächtnis des Volkes wird der Held weiterleben.“ (Todesanzeige auf Seite 4)

Nach Oskar Bosch gab es mindestens zwei weitere Opfer: Margarete Kazmierzak (geb. Egger, geboren am 07.03.1918), starb am 21.04.1945 laut Sterbebild „in Ottobeuren durch Fliegerangriff“. Karl Schnieringer erwähnt den Vorfall in seiner Chronik nicht. Ob die „liebe Gattin, Mutter und Tochter“ eine gebürtige Ottobeurerin war, geht aus dem Sterbeandenken nicht hervor.

Der Stephansrieder Josef Schalk wurde am 28.04.1945 erschossen, vom Serben Dragomir, der die schlechte Behandlung der serbischen Zwangsarbeiter auf dem Schalkhof rächen wollte. Auch hier wurde zum Gedenken ein Kreuz errichtet, das sich ein Stück südlich der Kirche befindet (Aufnahmen vom 30.03.2017). Dragomir selbst verunglückte auf dem Rückweg nach Serbien tödlich.
Einen weiteren Gedenkstein in unserer Nähe gibt es im Heuwald (zwischen Frechenrieden und Krautenberg), wo es zu einem Flugzeugabsturz gekommen war.

Ein herzlicher Dank für die vielen Auskünfte sei Anneliese und Josef Weinhardt aus Ottobeuren ausgesprochen; Bilder, Repros und Recherche: Helmut Scharpf, 06/2017

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